Artikel

Die Wertigkeit der Studienabschlüsse Bachelor und Master

26 Mai 2011 20:32 von MAWA

Die Wertigkeit der StudienabschlüsseDie Wertigkeit der Studienabschlüsse Bachelor und Master

Wenn sich die Schulzeit dem Ende entgegen neigt, dann erhält man als Schüler jede Menge mehr oder weniger gut gemeinte Ratschläge – von allen Seiten. Studiere dies, studiere das, geh hierhin oder dorthin, mache dies, mache jenes ... . Es folgt nicht selten die Frage des Schülers: "Und was hab ich dann davon?" Die typische Antwort: "Dann hast Du einen Abschluss!" Das ist ja eine tolle Antwort, werden die meisten denken. "Und was soll ich mit dem Abschluss?" ist prompt die nächste Frage. Die Frage ist berechtigt. Ein Abschluss ist erst einmal nichts weiter als ein Stück Papier. Er besagt nichts darüber, ob man später in einem Beruf, den man damit ausüben kann, erfolgreich und/oder glücklich sein werde. Ein Abschluss ist nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine Eintrittskarte in einen ohne diese Eintrittskarte verschlossenen Bereich. Und was ist eine solche Eintrittskarte mittlerweile wert? Bei Juristen, Medizinern und Lehrern ist klar, was sie für ihre Staatsexamina geboten bekommen: Die Möglichkeit, die entsprechenden Berufe zu ergreifen. Bei diesen Studiengängen hat sich gegenüber früher kaum etwas geändert. Seit einigen Jahren wurden die meisten anderen Studiengänge jedoch auf Bachelor und Master umgestellt. Was bedeutet das?

Aus Grund- und Hauptstudium wurden Bachelor und Master

Die Leute der Kultusbürokratie, die sich diesen Bachelorabschluss ausgedacht haben, werden sagen, damit habe man die gleichen Möglichkeiten wie mit einem Diplom oder einem Magister nach altem Recht. Das ist zwar richtig – gleichzeitig aber auch falsch. Um das zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie diese Regelung bezüglich des Bachelorabschlusses zustande kam.

Es begann damit, dass in den 1990er Jahren in Europa ein allgemeines Unbehagen darüber herrschte, dass die Studiengänge und die Studienabschlüsse in den einzelnen Ländern vollkommen unterschiedlich waren. Aus diesem Grund war es sehr schwer, die verschiedenen Abschlüsse zu vergleichen und gegenseitig anzuerkennen. Das wollte man ändern. Zu diesem Zweck trafen sich 1999 im italienischen Bologna die Vertreter von 29 europäischen Staaten. Diese kamen überein, bis zum Jahre 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Dieses Vorhaben nennt man den "Bologna-Prozess". Die Vereinheitlichung der Studiengänge sollte dadurch erfolgen, dass in allen Ländern konsekutive, zweistufige Abschlusssysteme eingeführt werden sollten.

Den ersten Abschluss dieses neuen Studienabschlusssystems bezeichnet man als "Bachelor", den zweiten, darauf aufbauenden Abschluss, als "Master". Diplom- und Magisterstudiengänge wurden nach und nach umstrukturiert und ihre Kurrikula angepasst. Kurz: Sie verschwanden. Der Bachelor, als erster akademischer Grad, wurde von nun als berufsqualifizierender Abschluss gesehen. Der Master soll der wissenschaftlichen Vertiefung dienen und ist der zweite akademische Grad (ein Doktortitel wäre der dritte Grad). Demnach ist man mit einem Bachelorabschluss für den entsprechenden Beruf qualifiziert.

Bachelor und Master machen Studium zur Tortur

Damit jetzt nicht wieder jedes der 29 Länder machen konnte, was es wollte und so ein Wettbewerb um die niedrigsten Anforderungen an Bachelor und Master stattgefunden hätte, wurde eine zusätzliche Qualitätssicherung eingeführt. Das bedeutet: Es wurde festgelegt, dass Studenten pro Jahr 1.800 Stunden für ihr Studium aufwenden müssen. Das sind umgerechnet 45 Wochen im Jahr á 40 Wochenstunden. Jeder Schüler weiß, dass das realitätsferne Anforderungen sind. Niemand kann 40 Stunden – acht volle Zeitstunden am Tag – lernen. Zu diesen utopischen Forderungen der Kultusbürokratie kommt erschwerend hinzu, dass man sich im Rahmen des Bologna-Prozesses darauf einigte, dass die neuen Studiengänge das gleiche beinhalten müssen, wie „alte“ Magister- und Diplomabschlüsse. Allerdings, und jetzt kommt die Krux, die Studienzeiten wurden auf nunmehr nur noch sechs bis acht Semester begrenzt. Die Universitäten pressten also alles in diese verbliebenen Semester hinein. Und das Ganze wird – Stichwort: Qualitätssicherung – fortlaufend durch zu erbringende Leistungsnachweise kontrolliert.

Kritik

In der Theorie soll jemand, der einen solchen Studiengang "überlebt" und mit dem Bachelor abgeschlossen hat, genauso berufsqualifiziert sein, wie ein Studienabgänger mit Diplom oder Magister alter Schule. Ein Master ist folglich höher qualifiziert als jemand mit einem alten Diplom oder Magister. In der Praxis zeigt sich jedoch immer mehr, dass das alles graue Theorie ist. Der Wirtschaft ist es gerade mal egal, ob ein Bachelor jetzt genauso gut ist wie jemand mit Diplom oder Magister – solange die Wirtschaft auch auf Leute mit Masterabschluss zurückgreifen kann, nimmt sie natürlich zunächst diese. Also hat der Student mit dem Bachelor hier und heute im Jahre 2011 gar nichts gewonnen.
Da helfen die besten Mappenkurse und die schönsten Bewerbungsfotos nichts. Wer sich von der Masse abheben will, und später keine Taxis oder Reisebusse für Busunternehmen durch Deutschland lenken möchte, muss notgedrungen auch noch den Master oben drauf satteln. Nur so hat man aktuell in vielen Bereichen der Wirtschaft eine Chance auf den Berufseinstieg.

Hinzu kommt, dass es immer mehr führende Wirtschaftsvertreter und Forscher gibt, die wieder für die alten Studiengänge plädieren. Demnach seien Studiengänger mit Magister oder Diplom deutlich selbstständiger, als solche, die sich, wie in der Schule, an feste Lehrpläne halten müssen. Kreativität, Verantwortung und selbstständiges Arbeiten seien bei Bachelor-Abgängern oft nicht mehr zu beobachten. Allerdings sei an Folgendes erinnert: Aufgrund der demografischen Entwicklung werden bis zum Jahre 2020 in Deutschland 5 - in Worten: fünf - Millionen Arbeitskräfte fehlen! Wer also heute beginnt, zu studieren, um den wird sich die Wirtschaft auch dann reißen, wenn er "nur" einen Bachelor hat – 2020!

Zurück